Zuzahlungsfreie Medikamente verschleiert

Zuzahlungsfreie Medikamente verschleiert

Jedes verschriebene Medikament kostet den Patienten zwischen fünf und maximal zehn Euro an Zuzahlung. Das kann sich zu einem netten Sümmchen addieren. Von der Zuzahlung befreit sind Kinder und mitversicherte Jugendliche unter 18 Jahren. Ebenso Erwachsene, die von ihrer Krankenkasse von der Zuzahlung befreit wurden. Erwachsene Versicherte können von der Zuzahlung befreit werden, wenn sie im Jahr mehr als zwei Prozent ihres Bruttoeinkommens für Zuzahlungen aufwenden. Chronisch Kranke können bereits befreit werden, wenn sie im Jahr mehr als ein Prozent ihres Bruttoeinkommens aufwenden müssen.

Nun gibt es aber Medikamente, die grundsätzlich zuzahlungsfrei sind. Dieses wird in einer Liste zusammengefasst und publiziert. Genau das ist der Knackpunkt der Verschleierung.

Medikamente

Medikamente und Kosten
Foto: Th. Siepmann/PIXELIO.de

Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen kann durch Beschluss nach § 31 Abs. 3 Satz 4 SGB V , von der Zuzahlung freistellen, wenn hieraus Einsparungen zu erwarten sind. Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen legt einen Höchstbetrag fest, bis zu dem die Krankenkassen die Kosten tragen. Wenn der Einkaufspreis mit Mehrwertsteuer für den Apotheker mindestens 30 Prozent unter dem festgelegten Höchstbetrag liegt, dann greift diese Befreiung. Also auf gut deutsch: eine garantierte Handelspanne von mindestens 30 Prozent für den Apotheker und die Zuzahlung für die Taschen der Krankenkassen.

Erschwerte Suche mit System

Geht man als Patient auf die Suche nach diesen zuzahlungsfreien Medikamenten, dann findet man bei fast jeder Krankenkasse und beim Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (GKV) auf deren Homepage den Zugang zu dieser Liste. Nur…. man findet kaum etwas. Entweder wird ein Download einer PDF-Datei angeboten, die rund 1 MB groß ist. Diese ist nach den Namen der Alternativprodukte sortiert.

Kennt der Patient nicht den Namen des zuzahlungsfreien Medikamentes, dann wird es haarig. Dann durchsucht man 491 (i.W. Vierhunderteinundneuzig) DIN A4-Seiten (Quelle: AOK ) unter 5225 Produkten nach einem Wirkstoff. Wer nicht mit Suchtechniken in PDF-Dateien vertraut ist – oder gar keine Online-Verbindung besitzt und nutzt, der ist so gut wie aufgeschmissen. Gerade für ältere Patienten eine fast unüberwindliche Barriere, diese Medikamente zu finden.

Rabattverträge als Kostendämpfungsplacebos

Die Rabattverträge der Krankenversicherungen mit der Pharmaindustrie sind ein geschicktes Marketinginstrument. Von einem bekanntermaßen hohem Preisniveau einen Rabatt aushandeln, der immer schön über den Regeln der Zuzahlungsbefreiung liegt – das ist ein Placebo in der Kostensenkung.

Verschreibt der verordnende Arzt einen Wirkstoff, dann sucht der Apotheker anhand der Krankenkasse das Medikament des Vertragspartners. Hier muss das Originalmedikament nur recht teuer sein und die vertragliche Alternative nicht 30 Prozent billiger als der Festbetrag, dann geht der Patient leer aus. Er zahlt kräftig zu. Die Krankenkassen und die Pharmaindustrie kassieren bei diesem Placebo mit dem sozialen Anstrich munter weiter .

Ob Sie auf Ihr Rezept in der Apotheke ein zuzahlungsbefreites Arzneimittel aus der Liste erhalten können, hängt von den Rabattverträgen ab, die Ihre Krankenkasse mit Arzneimittelherstellern geschlossen hat. Dazu kommt, in den letzten Jahren wurden dank Lobbyarbeit die Gesamtzahl der zuzahlungsfreien Medikamente drastisch (um mehr als die Hälfte) zusammengestrichen. Weil Arzneimittelhersteller immer seltener den Preisvorgaben der Kassen folgen, wurden ab September 2010 zahlreiche Präparate zuzahlungspflichtig. STERN und BILD berichteten darüber. Im Jahre 2006 waren es ab dem 1. November 14.600 befreite Arzneimittel, aktuell sind es gerade noch 5225. Durch die Rabattverträge und Vorgehensweise der Krankenkassen, Ärzte und Apotheker wird die Befreiungsliste quasi ausgehebelt.

Verschleierung des schnellen Zugriffs hat System

teure Pillen

Teure Pillen
Foto: IBS-Media

Ärzte und Apotheker selbst machen sich fast flächendeckend – mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – nicht die Mühe, den Patienten auf diese Möglichkeit hinzuweisen und Rezepte für diese Medikamente auszustellen, bzw. diese auszugeben.

Ich habe an zwei Beispielen versucht, die Alternativen herauszubekommen. Die weit verbreiteten Mittel “Rantudil”(R), ein Rheumamittel, und “Pantozol”(R), ein Säureblocker, durch zuzahlungsfreie Arzneimittel zu ersetzen. Der schnellste Weg, einfach den zuzahlungspflichtigen Arzneimittelnamen einzugeben und dann Alternativen ohne Zuzahlung aufgelistet zu bekommen, bietet keiner der Beteiligten. Weder Krankenkassen, deren Hauptverband noch Apotheken offerieren diesen naheliegenden Service.

Über den Wirkstoff bekommt man schon eine Liste – so bei der AOK. Aber ohne Rücksprache mit meinem Arzt ist diese Liste nicht wirklich zu nutzen. Wirkstoffmengen und Packungsgrößen unterscheiden sich eventuell, oder die Zusammensetzung ist nicht ersichtlich.

Probieren Sie es selbst und suchen Sie zuzahlungsfreie Alternativen für Ihr Medikament: AOKGKV-SpitzenverbandKrankenkassenratgeber . Der Bundesverband der Betriebskrankenassen (BKK) zeigt nicht mal mehr die Liste und die BarmerGEK verweisen auf die Rabattverträge. Die Verbraucherzentralen geben ein paar Ratschläge und verweisen ebenfalls auf die GKV-Seite.

Es geht auch patientenfreundlich

Die Krankenkassen, Pharmakonzerne und Apotheken haben keinerlei Interesse an dem Vertrieb dieser kostengünstigen Alternativen. Obwohl die Software in den Arztpraxen und Apotheken durchaus in der Lage ist, diese Medikamente blitzschnell zu suchen. Sie werden sogar oft automatisch mit aufgelistet bei der Suche zum Rezeptdruck.

Eine einzige rühmliche Ausnahme habe ich im Internet gefunden: “Gute Pillen – schlechte Pillen“ bietet als einzige Webseite den eigentlich am nächsten liegenden Service. Hier können Sie ihr verordnetes Medikament in die Suchmaske eingeben. Danach werden, wenn vorhanden, zuzahlungsbefreite Alternativen aufgelistet.

Hier ist der Link zur Suche von zuzahlungsfreien Medikamenten anstelle des bisher zuzahlungspflichtigen. Drucken Sie die Liste aus und legen Sie diese ihrem Arzt vor. Er kann sie verschreiben – wenn er will…

Paul Pawlowski (pp)

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